Paula Gubser: «Wenn das Hirn ausschaltet»

Der Roman von Paula Gubser basiert in wesentlichen Teilen auf autobiographischen Erfahrungen und erzählt in der Ich-Perspektive die Geschichte der 25-jährigen Noelle Jäggi. Bei einem schweren Velounfall – ohne Helm – erleidet sie ein Schädel-Hirn-Trauma. Der Roman beschreibt die Zeit in der Intensivstation und in der Rehabilitation sowie die Rückkehr ins Berufsleben und ihre sozialen Beziehungen.

Der Roman von Paula Gubser basiert in wesentlichen Teilen auf autobiographischen Erfahrungen und erzählt in der Ich-Perspektive die Geschichte der 25-jährigen Noelle Jäggi. Bei…

 

FRAGILE Suisse: Noelle trug bei ihrem Velounfall keinen Helm. Dazu sagt sie: «Fehler passieren und ich bezahle hier gerade für meinen». Wie Sie wissen, setzt sich FRAGILE Suisse aktuell mit einer Kampagne für die Prävention von Hirnverletzungen ein, auch durch das Tragen eines Helms. Wie sehen Sie das rückblickend? 

Paula Gubser: Rückblickend wünschte ich natürlich, dass ich einen getragen hätte. Aber in dem Moment dachte ich einfach nicht daran. Es war eine kurze Strecke, die ich kannte. Es war nie etwas passiert. So denken wahrscheinlich viele, bis es eben doch passiert.

Heute denke ich: Diese paar Sekunden, einen Helm aufzusetzen... das hätte mir wahrscheinlich sehr viel erspart. Nicht nur die Monate im Krankenhaus und der Reha, sondern auch diese ganze Unsicherheit danach. Ich hatte unglaublich viel Glück und das ist mir bewusst. Ich kann heute wieder normal leben und arbeiten. Viele andere Betroffene mit derselben Diagnose werden das nie wieder können. 

Wenn ich einen Rat geben darf: Sich nicht zu sicher fühlen, auch auf den Strecken, die man kennt. Einen Helm zu tragen ist kein grosses Opfer und kann im Ernstfall den entscheidenden Unterschied machen.

Im Roman gibt das Personal (Ärzte, Therapeuten) Noelle immer wieder das Gefühl, dass sie nicht «normal» ist oder noch «nicht gut genug», was sie verunsichert. Was hat dieses Gefühl der ständigen Beobachtung und Bewertung in Ihnen ausgelöst?

Dieses Gefühl, ständig beobachtet zu werden, war damals zermürbend. Vor allem am Anfang im Überwachungszimmer. Du liegst da, hinter Glas und gegenüber ist der Aufenthaltsraum des Personals, das direkt in dein Zimmer sehen kann. Gefühlt wird jede Aussage und jede Bewegung analysiert. Du verlernst fast dich natürlich zu verhalten, weil du ständig überlegst: Wie kommt das jetzt an? Wird das als Verschlechterung gewertet?

Auf der anderen Seite hat das sicher auch eine Art Kampfgeist ausgelöst. Ein leiser Trotz: Ich bringe euch schon dazu, dass ihr mich wieder ernst nehmt.

Mit etwas Abstand sehe ich das auch anders. Das Personal hat einen unglaublich fordernden Job, sieht täglich schwere Fälle, muss in kürzester Zeit Entscheidungen treffen. 

Was ich mir aber gewünscht hätte, ist, dass das Personal den Menschen sieht und nicht nur die Diagnose. Auch eine Patientin darf mal müde, gereizt oder schlecht gelaunt sein, ohne dass es gleich ein medizinisches Symptom sein muss.

Nach ihrem Austritt muss Noelle mit der neuen Situation klarkommen. Sie merkt, dass sie sich verändert hat. Sie spricht von fehlender Orientierung und Antriebslosigkeit. Wie haben Sie das erlebt? 

Der Wiedereinstieg war in gewisser Hinsicht anspruchsvoller als die Zeit im Spital und in der Reha. Dort hatte ich eine klare Struktur und klare Ziele. Danach plötzlich nicht mehr. Ich wusste, dass ich mein Studium abschliessen und einen Job finden musste, aber das Wie und Wo war völlig offen. Das führte zu einer Art Orientierungslosigkeit.

Dazu kam, dass ich merkte, dass ich mich verändert hatte. Nicht grundlegend, aber in Nuancen. Ich reagierte zum Beispiel empfindlicher, wenn ich das Gefühl hatte, beobachtet oder bewertet zu werden. Prioritäten hatten sich verschoben. Dinge, die mir früher wichtig waren, interessierten mich weniger. Das brauchte Zeit, um damit klarzukommen.

Geholfen haben kleine, konkrete Schritte. Manchmal bedeutete das einfach, eine Bewerbung abzuschicken oder mich auf eine einzelne Aufgabe für den Studienabschluss zu konzentrieren. Nicht das grosse Ganze auf einmal bewältigen wollen, sondern mich auf den nächsten Schritt konzentrieren. Das klingt einfach, ist aber ein Prozess und der gelingt nicht immer. Aber irgendwann setzt du dich in Bewegung. Nicht elegant, nicht perfekt, aber immerhin vorwärts.

Das Buch erzählt die Geschichte von Noelle Jäggi, die ja auf Ihren Erfahrungen basiert. Weshalb haben Sie diese Perspektive gewählt (Drittperson)?

Ich musste das Erlebte zunächst für mich selbst sortieren. Das Schreiben war mein Versuch, Klarheit in etwas zu bringen, das sich lange Zeit chaotisch und bruchstückhaft anfühlte. Der fiktive Name gab mir Abstand zu Erinnerungen und Gefühlen, die mir noch sehr nah waren, aber auch zu realen Personen und Situationen aus meinem privaten und beruflichen Umfeld damals.

Diese Entscheidung hat mir zudem eine Freiheit ermöglicht, die ich in einer rein autobiografischen Erzählform nicht gehabt hätte. Ich konnte verdichten, zuspitzen, Szenen erfinden, um das Gefühlte greifbarer zu machen. Eine echte Autobiografie wäre langsamer, fragmentarischer, vielleicht auch weniger zugänglich. Aber ich stecke selbst zu nah darin, um objektiv beurteilen zu können, ob das für die Lesenden besser oder schlechter gewesen wäre.

In der Erzählung finden sich keine Titel, die der Leserschaft eine Struktur geben würde, eine Orientierung. Es wird alles in einem Zug erzählt, was eher ungewöhnlich ist. Warum haben Sie sich für diese Form entschieden?

Ich wollte, dass die Lesenden mittendrin sind. Keine Kapitelüberschrift, die ankündigt, was kommt. Genau so, wie es sich angefühlt hat. Reha, Prüfung, Jobsuche, alles floss ineinander, ohne klare Zäsuren.

Ausserdem spielt Wahrnehmung im Buch eine zentrale Rolle. Gerade am Anfang, wenn Noelle aus dem Koma erwacht, ist nicht immer klar, was real ist und was nicht. Kann man ihr trauen? Sieht sie die Welt wirklich so, wie sie ist, oder durch den Filter einer Frau, deren Gehirn noch nicht wieder ganz da ist? Dieses Verschwimmen wollte ich auch mit der Erzählform abbilden.

Sie waren 25 Jahre alt, als der Velounfall Ihr Leben verändert hat. Können Sie heute auch etwas Positives daraus nehmen? 

Ja, trotz allem hat der Unfall mein Leben auch positiv verändert. Er hat mich gezwungen, mich Dingen zu stellen, mit denen ich sonst vielleicht erst Jahre später konfrontiert gewesen wäre. In gewisser Weise bin ich mutiger geworden und habe gelernt, für mich einzustehen. Das habe ich vor allem in der Reha gelernt, in den Diskussionen über meinen Zustand und wann ich entlassen werde. Ich musste lernen, meine eigene Wahrnehmung gegen die Expertenmeinungen zu verteidigen. Diese Lektionen hätte ich aber gerne auf eine andere Art gelernt.


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